Paralleltext Englisch–Deutsch
Tidewait
Gezeitengeduld
DuoText
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The letter came on a Monday, and I had to read it twice. Nordlicht, a publisher in Hamburg, was offering me a job: Iris Wynn’s new novel, “Salt and Hours”, four hundred pages, eight weeks. Under the signature there was one more sentence, small and almost friendly: Mr Jonas Keller is translating the same book. We will take the better version.
Der Brief ist an einem Montag gekommen, und ich musste ihn zweimal lesen. Der Verlag Nordlicht in Hamburg hat mir einen Auftrag angeboten: den neuen Roman von Iris Wynn, „Salt and Hours“, vierhundert Seiten, acht Wochen Zeit. Unter der Unterschrift hat noch ein Satz gestanden, klein und fast freundlich: Herr Jonas Keller übersetzt dasselbe Buch. Wir nehmen die bessere Version.
I know the name Jonas Keller. Everyone in our small world knows it. He has won two prizes in the last three years, and in every interview he said that translating is “like dancing in the dark”. I always found that line a little vain.
Ich kenne den Namen Jonas Keller. Jeder in unserer kleinen Welt kennt ihn. Er hat in den letzten drei Jahren zwei Preise gewonnen, und in jedem Interview hat er gesagt, dass Übersetzen „wie Tanzen im Dunkeln“ ist. Ich habe diesen Satz immer ein bisschen eitel gefunden.
I took the job anyway. My last book barely sold, my rent went up in the summer, and Iris Wynn is the author I have loved since university. I have read each of her books three times: once for the story, once for the sentences and once just for me. Whoever translates her new novel gets the next one too. Everyone knows that.
Ich habe den Auftrag trotzdem angenommen. Mein letztes Buch hat sich kaum verkauft, meine Miete ist im Sommer gestiegen, und Iris Wynn ist die Autorin, die ich seit dem Studium liebe. Ich habe jedes ihrer Bücher dreimal gelesen, einmal für die Geschichte, einmal für die Sätze und einmal nur für mich. Wer ihren neuen Roman übersetzt, bekommt auch den nächsten. Das weiß jeder.
A week later I travelled from Berlin to Hamburg to sign the contract. The office of Ms Brandt, the publisher, smelled of coffee and old paper. And on the sofa by the window a man was already sitting, eating an apple as if he lived there.
Eine Woche später bin ich von Berlin nach Hamburg gefahren, um den Vertrag zu unterschreiben. Das Büro von Frau Brandt, der Verlegerin, hat nach Kaffee und altem Papier gerochen. Und auf dem Sofa am Fenster hat schon ein Mann gesessen, der einen Apfel gegessen hat, als ob er hier zu Hause ist.
“Ms Hoffmann,” he said, getting up. “I’ve read your translation of ‘The Blue Harbour’.”
„Frau Hoffmann“, hat er gesagt und ist aufgestanden. „Ich habe Ihre Übersetzung von ‚Der blaue Hafen‘ gelesen.“
“And?”
„Und?“
“And I wondered why you used the word ‘Sehnsucht’ in chapter three. The original only says ‘wish’.”
„Und ich habe mich gefragt, warum Sie im dritten Kapitel das Wort ‚Sehnsucht‘ benutzt haben. Im Original steht nur ‚wish‘.“
I smiled, although my face went hot. “Because in German a wish is sometimes too small, Mr Keller.”
Ich habe gelächelt, obwohl mein Gesicht ganz heiß geworden ist. „Weil ein Wunsch auf Deutsch manchmal zu klein ist, Herr Keller.“
Ms Brandt looked at the two of us like a teacher looking at two children in the schoolyard. Then she explained the rules: we would get the same manuscript. After four weeks we would send her the first hundred pages as a sample. And we would not talk to each other about the book. “Not a word,” she said. “I want to hear two voices, not one.”
Frau Brandt hat uns beide angesehen wie eine Lehrerin zwei Kinder auf dem Schulhof. Dann hat sie die Regeln erklärt: Wir bekommen dasselbe Manuskript. Nach vier Wochen schicken wir ihr die ersten hundert Seiten als Probe. Und wir sprechen nicht miteinander über das Buch. „Kein Wort“, hat sie gesagt. „Ich möchte zwei Stimmen hören, nicht eine.“
On the train home I opened the manuscript. The first sentence hit me at once: She is never late. She is only early for the wrong things. I translated it twenty times, and twenty times it lay dead on the page.
Im Zug nach Hause habe ich das Manuskript geöffnet. Der erste Satz hat mich sofort getroffen: She is never late. She is only early for the wrong things. Ich habe ihn zwanzig Mal übersetzt, und zwanzig Mal hat er tot auf dem Papier gelegen.
At midnight my phone lit up. A message from an unknown number: How are you translating the first sentence? – J. K.
Um Mitternacht hat mein Handy geleuchtet. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: Wie übersetzen Sie den ersten Satz? – J. K.
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