Paralleltext Englisch–Deutsch
Silence in the Hall
Ruhe im Saal
DuoText
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The Fifth Round
Die fünfte Runde
For thirty years Davit Kapanadze had been running chess tournaments, and in thirty years he had learned that you do not recognise a cheat by his moves, but by his hands. Someone with something to hide touches his face, his ear, his pocket; he gets up too often, and he comes back too quickly. Davit had fetched players out of toilets with telephones in the cisterns, he had confiscated a shoe with a vibration motor in its sole, and once, in Tbilisi, he had sent a grandfather out of the hall who was giving his grandson signals from the audience with a handkerchief. He was not proud of it. He was only thorough.
Seit dreißig Jahren leitete Davit Kapanadze Schachturniere, und in dreißig Jahren hatte er gelernt, dass man einen Betrüger nicht an seinen Zügen erkennt, sondern an seinen Händen. Wer etwas zu verbergen hat, berührt sein Gesicht, sein Ohr, seine Tasche; er steht zu oft auf, und er kommt zu schnell zurück. Davit hatte Spieler aus Toiletten geholt, in deren Spülkästen Telefone lagen, er hatte einen Schuh beschlagnahmt, in dessen Sohle ein Vibrationsmotor steckte, und einmal, in Tbilissi, einen Großvater des Saales verwiesen, der seinem Enkel aus dem Publikum mit dem Taschentuch Zeichen gab. Stolz war er darauf nicht. Er war nur gründlich.
The Batumi Open was to be his last tournament. He had informed the federation in the spring, in a short letter without giving a reason, because he did not know himself exactly which one he should have given. He was sixty-three, his knees no longer liked the long days, and every Sunday his daughter called from Berlin to ask whether he did not finally want to do something else. What that was supposed to be, however, she could not tell him either.
Das Batumi Open sollte sein letztes Turnier sein. Er hatte es dem Verband im Frühjahr mitgeteilt, in einem kurzen Brief ohne Begründung, weil er selbst nicht genau wusste, welche er hätte nennen sollen. Er war dreiundsechzig, seine Knie mochten die langen Tage nicht mehr, und seine Tochter rief jeden Sonntag aus Berlin an, um ihn zu fragen, ob er nicht endlich etwas anderes machen wolle. Was das sein sollte, konnte sie ihm allerdings auch nicht sagen.
The games were played in the ballroom of the Hotel Kolkhis on the seafront promenade, a hall with three chandeliers that tinkled softly at every gust of wind from the sea, and an air-conditioning system that had been making the same asthmatic noise since Soviet times. A hundred and sixty players sat at eighty tables. Above the stage hung a screen on which the games of the first ten boards were broadcast, with a fifteen-minute delay, and beneath it, in small white letters, ran the viewers’ chat.
Gespielt wurde im Ballsaal des Hotels Kolchis an der Strandpromenade, einem Saal mit drei Kronleuchtern, die bei jedem Windstoß vom Meer her leise klirrten, und einer Klimaanlage, die seit der Sowjetzeit dasselbe asthmatische Geräusch machte. Hundertsechzig Spieler saßen an achtzig Tischen. Über der Bühne hing ein Bildschirm, auf dem die Partien der ersten zehn Bretter übertragen wurden, mit fünfzehn Minuten Verzögerung, und darunter lief in kleiner weißer Schrift der Chat der Zuschauer.
Davit did not read the chat. He had broken himself of the habit years ago. But on Wednesday evening, after the fifth round, Giorgi Abashidze came to the arbiters’ table with his telephone in his hand, and Davit understood from the way he held it, namely like a piece of evidence, that today he would have to read it.
Davit las den Chat nicht. Das hatte er sich vor Jahren abgewöhnt. Aber am Mittwochabend, nach der fünften Runde, kam Giorgi Abashidze mit seinem Telefon in der Hand an den Schiedsrichtertisch, und Davit begriff an der Art, wie er es hielt, nämlich wie ein Beweisstück, dass er ihn heute würde lesen müssen.
Giorgi was the sponsor’s man. The sponsor was a mobile phone company whose logo was stuck on every table sign, on every ballpoint pen and on every one of the little water bottles that stood between the boards. He was in his mid-forties, wore a jacket even at thirty degrees and spoke about the tournament as if it were a product launch. “Have you seen this?” he asked.
Giorgi war der Mann des Sponsors, eines Mobilfunkanbieters, dessen Logo auf jedem Tischschild klebte, auf jedem Kugelschreiber und auf jedem der Wasserfläschchen, die zwischen den Brettern standen. Er war Mitte vierzig, trug auch bei dreißig Grad ein Sakko und sprach über das Turnier, als handle es sich um eine Produkteinführung. „Haben Sie das gesehen?“, fragte er.
Davit knew what he was talking about. Since Sunday a woman had been sitting in this hall who, if you went by the numbers, did not belong at the front tables and who had nevertheless moved a little further forward every day: Tamar Gelashvili, seventy-four years old, from Tbilisi, rating 1712, ranked 143rd of 160 on the starting list. After five rounds she had five points. In the first round she had beaten an International Master from Yerevan, in the third a young Iranian and today, on board seven, a Ukrainian grandmaster who had stayed sitting in front of the board for a long time after the game, as if she were looking on it for something she had lost.
Davit wusste, wovon er sprach. In diesem Saal saß seit Sonntag eine Frau, die, wenn man nach den Zahlen ging, nicht an die vorderen Tische gehörte und trotzdem jeden Tag ein Stück weiter nach vorn gerückt war: Tamar Gelashvili, vierundsiebzig Jahre alt, aus Tbilissi, Wertungszahl 1712, in der Startrangliste auf Platz 143 von 160. Nach fünf Runden hatte sie fünf Punkte. Sie hatte in der ersten Runde einen Internationalen Meister aus Jerewan geschlagen, in der dritten einen jungen Iraner und heute, an Brett sieben, eine ukrainische Großmeisterin, die nach der Partie lange vor dem Brett sitzen geblieben war, als suche sie darauf etwas, das sie verloren hatte.
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